Raumstrukturen

Unter Strukturbildung versteht man im Städtebau die konzeptionelle  Ausbildung und Zuordnung von Freiräumen und bebauten Räumen, die als Siedlungsgerüst dauerhaft Wirkung entfalten. Der allgemeine  Begriff "Raumstrukturen" ist demgegenüber etwas breiter gefaßt, und bezeichnet alle sichtbaren Besonderheiten, die einer strukturellen, räumlichen Betrachtung unterzogen werden können.

Es wird bei aller Gespanntheit die einfache These verfolgt, daß die Lesbarkeit der zufälligen und der weniger zufälligen Raumstrukturen, ihr Urspung, ihre Entwicklung, Ihre direkte oder indirekte Einwirkung auf die Umgebung und auf das Mikro- und das Makroklima  und nicht zuletzt die Interpretation ihrer jeweiligen Ästhetik einen wachsenden Erkenntnisgewinn für die Weiterplanung und Optimierung  von Metropolen, Städten und Gemeinden sowie für die Neuschaffung von Urbanem Siedlungsgefüge insgesamt birgt.

Als Teil der geschichtlichen Betrachtung können  die Beiträge der Bodenarchäologie tiefe Einblicke in die "Raumgeschichte" verschaffen, soweit Grabungsergebnisse vorliegen. Hier werden heute Funde nach Siedlungsmuster und Behausungsstruktur unterschieden, die sich aus Fundamenten, Werkzeug-  und Abfallfunden oder aus den ganz frühen Grundtypen von Behausungen - erkennbar an Feuerplatz und Zeltrand etc. -  ergeben (z.B. F. Gelhausen, Siedlungsmuster der allerödzeitlichen Federmesser-Gruppen... , Mainz 2011, oder S.Wenzel, Behausungen im Späten Jungpaläolithikum...Mainz 2009). Was aufgrund des Strukturbildes später oft als "natürliche" Entwicklung (z.B. bei Dörfern, Altstädten, Siedlungskerne)  betrachtet, bzw. "empfunden" wird, stellt sich meist als Addition wohlüberlegter Planungen in kleinen und kleinsten Schritten heraus, mithin eine der größten Kulturleistungen überhaupt. 

Neusteinzeitliche Ausgrabungen der 1970er Jahre: vorgefundene dunkle Verfärbungen im natürlichen, hellen Boden 

Die Strukturbilder bestehender oder erfundener Siedlungen sind seit jeher auch Gegenstand künstlerischer Bearbeitung (aktuelle Beispiele sind die vorzüglichen Papierarbeiten von Matthew Picton, London,  matthewpicton.com , der auch städtische "Pankithemen", wie Epidemien, Erdbeben, Brände, Kriegszerstörungen etc.  in seinen Kunstwerken verarbeitet - z.B. "Dresden 1945: Burnt").   

Vor diesem Hintergund nimmt die Entwicklung von gebauten Raumstrukturen in der städtebaulichen Diskussion seit jeher einen breiten Raum ein. Nach dem Desaster von 2 Weltkriegen mit immensen baulichen Zerstörungen liegt der Ursprung des modernen Städtebaus  in einer  (Wieder-) Aufbauanforderung gigantischen Ausmaßes. D.h. allein die Dimension der Planungen z.B. zur kurzfristigen Schaffung von Wohnraum sprengten alle bisherigen Maßstäbe.  

Die meisten planerischen Grundlagen entstammten demgegenüber den 20er, 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Stichwort Bauhaus, Le Corbusier und die Charta von Athen, die die "reine Funktion" und die räumliche Funktionstrennung von -Arbeiten-Wohnen-Versorgen-Infrastruktur in den Fokus rückten.  In Europa und Nordamerika wurden in der Folge erste kritische Stimmen wach, die das Ideal der zentralen urbanen Verdichtung vor dem Hintergrund der massiven Kriegszerstörungen und der zunehmenden Individual-Motorisierung infrage stellten. Insgesamt eine Zeit der Paradigmenwechsel. So untersuchte der in Karlsruhe geborene Stadtplaner und Hochschullehrer Ludwig Hilberseimer,  Hochschlullehrer am Illinois Institut of Technology, Chicago, in dieser Zeit (des Kalten Krieges) auch die möglichen Auswirkungen des radioaktiven Fall-Out bei Atombombenexplosionen auf die Lage von Siedlungsflächen in den USA und wollte daraus Empfehlungen für Neuplanungen abgeleitet wissen.  

Die Folge waren in Deutschland, Österreich und der Schweiz  weitgehend ungehemmmte Eingriffe (Freilegungen)  in die alten meist mittelalterlichen Siedlungsbereiche und in den umgebenden Natur- und Landschaftsraum, die eine Entdichtung, die sogenannte Zersiedelung, also eine flächige Streuung der Bebauung  und eine Streuung der finanziellen Mittel bewirkte (urban sprawl) . Mit deren Konsequenzen - auch verkehrs- und finanzstrukturell und auch in der Instandhaltung/Modernisierung/Schrumpfung/Rückbau - wir uns heute intensiv beschäftigen müssen.  

Planer, Architekten. Investoren,  Immobilienfachleute, etc. gehen hier immer häufiger von ganz unterschiedlichen Voraussetzungen aus. Die gemeinsame "Sprache" oder der gemeinsame "Plot" ist ebenso im Begriff in Verlust zugeraten, wie die Vision der künftigen Entwicklungslinien - der Rahmenplan bzw. der Masterplan -  umstritten ist. Gleichzeitig ist für die Innenstädte wie auch für die Ortskerne der kleineren Siedlungsschwerpunkte in der westlichen Welt eine deutliche, schleichende Erosion der Raumbildung festzustellen, die den Traditionen des "Europäischen Stadtmodells" und seiner Weiterentwicklung zuwiderläuft und fachlich als Fehlentwicklung gesehen wird (Folie: Detroit).  Typisch für diese Betrachtungsweise ist die Darstellung in schwarz-weißen Baustrukturplänen: 

Städte und Gemeinden  werden heute überwiegend individualistisch und polyzentrisch betrachtet und in spezifischen Teilräumen entwickelt. Mehrere, neue "Schwerpunkte" am Rand sorgen für Konkurrenz und  im Innern für Ausdünnung. Die eigentliche "Mitte" fehlt oder geht langsam verloren. Räumliche Identität geht verloren. (Folien: Stadtteile) (Folien: Verdichtungsmodell "Mittelstadt"). Selbst bei selbständigen Siedlungs-planungen wird manchmal "rund" geplant und damit die Mitte formal-traditionell aufgeladen aber inhaltlich "ausgespart" bzw. lediglich MIV-Verkehrsverteiler und uninteressant (Nibelungenring LeipzigSuncity Arizona, aus Geo).  

Manche Siedlungsstruktur erscheint in der Abbildung von oben wie eine räumliche Umsetzung der kynischen Formulierung: "...Die vielen Vereinzelungen ergaben eine neue Qualität von Vermassung..." (P.Sloterdijk)

Hier kann oft nur noch der strukturierte Außenraum, "das Grün", den inneren Zusammenhang abbilden. Auch in der optisch wirksamen Wirklichkeit ist ein Verlust an "Struktur"-Bildung" (mehrdeutig) im Kleinen wie im Großen festzustellen. Das Plakative, das "Geometrische" als "laute Form" gerät  hier zum Leitmotiv.  Die europäische Stadtstruktur als langezeit leuchtendes kulturelles Vorbild auch für neue differenzierte  Raumstrukturen verschwindet. Stadtteile werden "ge-layoutet".(Folie: Berlin Adlershof etc., Luftbild, Wissenschaftsstadt). Der Verlust an intimer Raumbildung und an sozialer Identität soll durch Technik und Qualität wettgemacht werden. Dabei schwinden Privatheit und Intimität. Das Dasein wird zunehmend öffentlicher. (Diese Thematik wird durch  den  französischen Filmemacher Jaques Tati in seinem Film "Mon Oncle" von 1958 ausgesprochen unterhaltsam visualisiert.).   

Gebaute Raumstrukturen entstehen aus vielerlei Abhängigkeiten, die der klassischen Planungsdisziplin "Stadtplanung und Infrastrukturplanung" entsprechen - Topographie, " Nase", "Sattel", Talkessel, Hang, Wetterschutz, strategische Lage und Wasserläufe, Wasserversorgung etc. sind einige Beispiele für Wirkungsfaktoren. Die Gruppierung der Einzelelemente, der Raum "zwischen den Häusern" und der Bezug zur Landschaft definieren das "Muster". Dabei ist zwischen "Muster" und "Ansicht" ein "Entwurfs-Sprung". Meist wird nur ein Aspekt fachkundig entwickelt und "preisgekrönt". (Folien: Passau).  Hier ein historisches, besonders prägnantes Beispiel einer in der Anlage von den Atztekten geschaffenen Grunddisposition aus einem Wege-Doppelkreuz mit einem inneren Oval und einem zentralen Platz , Inselstadt Mexicaltitan in Mexico und weitere Beispiele :

 

Inselstadt Mexicaltitan in Mexico

 

Timbuktu, Wüstenstadt

 

Ekbatana-Iran (Hamadan)

Ekbatana ("Zusammenkunft" ) wurde ca. 700 v.Chr. als Haupstadt der Meder gegründet und war später Königsresidenz im persischen Achämenidenreich. Der Historiker Herodot berichtete über die städtebauliche und die "metaphysische", d.h. symbolträchtige  Grundstruktur wie folgt: "..Die Mauern sind nämlich so gebaut, dass hintereinander sieben Mauern die Stadt umgeben, und dass immer ein Mauerring nur um die Höhe der Zinnen den anderen überragt. Im ganzen sind es sieben Ringe, und im letzten stehen die Königsburg und die Schatzkammer. Der Umfang der äußeren Mauer ist so groß wie die Stadt Athen. Die Zinnen der ersten Mauer sind weiß, die der zweiten schwarz, die der dritten purpurrot, die der vierten blau, die der fünften hellrot, die der sechsten versilbert und die der allerletzten vergoldet..."    Das sähe dann etwa so aus:

 

 (Skizze koplangruppe- MH)

 

 

Loire-Schloss in Frankreich:  Chenonceaux

 

Gerade die natürlichen und die klimatischen Faktoren sind Kern-Voraussetzungen  für die dauerhafte Strukturbildung von Siedlungen. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Fachdisziplin "Stadtplanung" oder "Städtebau" wurden - historisch betrachtet - seit je her entwickelt aus der dringenden Notwendigkeit umfassender Daseins- und Gesundheitsvorsorge. Diese waren und sind im Rahmen der Disziplin in das alltägliche Baugeschehen zu implementieren: Abstands- und Materialvorschriften des Brandschutzes, Hochwasserschutz, Schutz vor Steinschlag und Lawinen im Gebirge, Schutz vor Erdbeben, Hygieneanforderungen, Licht, Luft und Sonneneinstrahlung sowie allgemein: die Seuchen- und Katastrophenvorsorge wurden so zu wesentlichen Anspruchparametern für die Erhaltung, die Neuplanung und die Entwicklung der verdichteten Siedlungsweise in den Gemeinden und Städten.

Diese Grundlagen und das daran geknüpfte Erfahrungswissen gestatten es uns heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit das Leitbild der nachhaltigen und klimagerechten Stadtentwicklung zu verfolgen.  dabei spielen die "Muster" der Siedlungsanordnung eine wesentliche Rolle. Das Muster, die Raumstruktur und ihr Verhältnis zur Umgebung, ist kein Selbstzweck sondern in der Regel das Ergebnis erfolgreicher oder fehlgeschlagener Siedlungsversuche aus Geschichte und Gegenwart.

Der Vergleich der "Muster" in gleichem Maßstab ermöglicht eine Erfassung, der absolut unterschiedlichen Dimensionen der Räume und der  "Dichte"-Kategorie. Dahinter verbergen sich ganz unterschiedliche Vorstellungen z.B. zum Thema Sozialisation, Diskretion oder zumThema gemeinschaftliches Wohnen und Privatheit.  (Folie: 24-Lageplan-Ausschnitte, aus: Katalog der Ausstellung- Wohnen in den Städten?-Bauen in der Landschaft, Berlin 1984 ). Die Bedeutung und die Abmessungen der öffentlichen Räume - Plätze, Gassen, Wege, Straßen - variieren je nach Strukturbild erheblich. Der Unterschied von Stadt/Dorf und Siedlung wird evident und in der Neuzeit auch inhaltlich thematisiert und problematisiert.

 

Die Kriterien zur Beurteilung des Musters sind ebenso vielfältig wie zeitabhängig. Es gibt Konventionen zur Beurteilung der Muster (Religion, Kunst, Ethnische Konventionen, Staatslehre, Machtdarstellung, Kolonialismus, etc.). Die soziale Erfahrung kann sich im Entwurfsmuster ausdrücken, muss aber nicht. Umgekehrt kann das Muster hinterfragt werden, ob es Spielräume lässt, für die sozialen Lernprozesse. Städtebau differenziert heute durch den Entwurf eigenständige Raumstrukturen. Diese können auch als Sätze einer Sprache interpretiert werden. Da Städtebau oft auf Jahrzehnte ausgerichtet ist, ist es für die allgemeine Kultur interessant, ob diese einzelnen Sätze bei aller Änderung der Konzepte bei der Durchführung und im Laufe der Zeit dennoch einen zusammenhängenden immer neu zu interpretierenden "Inhalt" haben, oder ob sie "leer" sind oder entleert werden, oder ob die Mehrzahl der Menschen hier eine "Inhaltsleere" empfindet.

Die vielen Freilegungen und Abbruche der letzten Jahre gerade im Bestand der jüngeren Großsiedlungen geben hier eine pragmatische Antwort auf die Frage: "Wie wollen wir nicht wohnen", obwohl die Siedlungen zu ihrer Erstellungszeit einen großen Zulauf hatten und durch die Neudefinition der Umgebung der gezielt gleichförmigen Bauten als öffentlichen Raum, als Gemeinschaftsraum,  als sozialpolitische Experimente galten (passend zum Zeitgeist schrieb Hannah Arendt 1958 in ihrem Hauptwerk "Vita activa oder vom tätigen Leben", die Grenzen des Privaten könnten nicht mehr bestimmt werden).

Hier sind auch Fragen berührt, die die Kunst und die Planung bei der Arbeit gleichermaßen bewegen. (Folie: Gesichter). Hier einige heutige Allerwelts-Strukturen,  "Zufallsstrukturen", die bei näherer Betrachtung keinesfalls zufällig und tief in unserer Kultur verwurzelt sind,  zur Anregung, zur Analyse und zum Vergleich  :

 

    

Abbildung: Konsumgegenstände - Marke, Verpackung, Reihung und Stapelung als moderne Alltagserfahrung

 

 

Kleinräumige Varianten der Entwicklung eines Ortsteils 

 

Es handelt sich um abbildungstheoretische und praktisch-graphische Prozesse

- die Wiederholung

- die Varianz

- die Spiegelung

- die Kombination, Stapelung, Reihung, Staffelung

- die Symmetrie / Asymmetrie

- die Vereinzelung /der Solitär

- die Gruppierung

- die Umgebungsbedingungen, die Prägung

- das Einblenden, das Ausblenden

- die Oberflächen, die "Aussenhaut", die "Verpackung"

- das Motiv, das Leitmotiv

- Chaotische Elemente / der Zufall/

- Versuch und Irrtum 

- etc.

In einer aktiven modernen Gesellschaft ist die kulturelle Diskussion um das Grundmuster ein konstitutiver und kreativer Akt des sozialen und räumlichen Städtebaus, der immer wieder die Kernfragen öffentlicher oder privater Nutzung zum Thema hat. Der Beitrag, den der Städtebau für die Gestaltung dieser "gebauten Landschaften" leistet ist umfassend. Er wirkt über die Ausbildung und Weiterentwicklung von Raumstrukturen und ihre Ästhetik auf die technischen Determinanten (Verkehr, Versorgung, Energie), auf die sozialen Konventionen und auf die ökologischen Umweltbelage ein und integriert sie im Idealfall.

Städtebau ist nicht "Architektur in einem verkleinerten Maßstab". Das Wohnzimmer ist kein Dorfplatz und der Hausgarten ist kein öffentlicher Park, die Straßen keine "Flure" und Arbeitsstätten sind keine Hobbyräume. Einkaufszentren  keine "Marktplätze". Einige Beispiele sollen die Vielzahl der Möglichkeiten und die Notwendigkeit der differenzierten Betrachung  dokumentieren.

Dorfstruktur als  Postkartenmotiv

 

Stadtstrukur (Barcelona, Spanien) als Postkartenmotiv

 

 

Der äußerliche Eindruck könnte zunächst unterschiedlicher nicht sein! Aus diesem äußerlichen Eindruck heraus werden gerne von den entsprechenden Protagonisten verschiedene "Lebenstile" ("natürlich", "künstlich", "verdichtet", "aufgelockert", "einfach", "vernetzt", "offen" oder wie die Verbalprojektionen alle heißen) abgeleitet und in der architektonischen Diskussion gerne gegeneinander gesetzt. Die weiterhin frei geführte Diskussion über das was "Fortschritt"  tatsächlich bedeutet, ist stark von nicht räumlichen, bauwerksfremden, oft naiven, wenn nicht sogar rein egomanischen Argumenten geprägt, deren Provenienz nach kurzer Reflektion direkt aus althergebrachten betriebswirtschaftlichen oder ideologischen Handbüchern oder Strömungen nachweisbar ist. Mit Vernunft, dem Blick auf die Realität und dem Stand des Wissens  hat das oft wenig zu tun. Dabei ist seit den Humanisten bekannt, dass diejenigen Gesellschaften die fortschrittlichsten sind, in denen der größte Teil ihrer Vergangenheit real präsent in der Gegenwart gehalten wird (B.Brock).

Hier einige Beispiele für die historischen Grundlagen des heutigen Städtebaus. Der Grundriss, der Lageplan, die Draufsicht sind hier dominierend. "Die Welt von oben", der Blick von oben, ursprünglich ein Blick aus der eng begrenzten Sphäre des religiösen Bezuges (z.B. Moses 1-27) , ist sozusagen der "Kontrollblick " für die Sichtweise der jeweiligen Generation. Die Menschheitsgeschichte ist regelrecht "beseelt" von  den vielen archäologischen   Kultur-Zeugnissen für den Versuch mit dem "Götter-Himmel" über Gebäudeformationen, Steinspuren und Landschaftsgestaltung Kontakt aufzunehmen. Beispiele hierfür sind nicht zuletzt "das weiße Pferd" von Uffington, Oxfordshire, England,  das die Kelten als 111m langes Tiersymbol um ca 100 v.Chr. in den weißen Kalkstein geritzt haben. Und die ca. 40 Zeichnungen (z.B. der  "Kolibri") auf der Hochebene der Nasca-Kultur in Peru. 

Die senkrechte,  Projektion räumlicher, vom Menschen erdachter und gezeichneter Baustrukturen auf die Erdoberfläche kann seit der Aufklärung als das sozusagen freche, humanistische Gegenstück zur religiösen Projektion irdischer Vorstellungen in den Himmel interpretiert werden. Davon zeugt die Häufung von idealisierten Stadtbauplänen seit der Renaissance, deren Wirkung dann auch in der Wirklichkeit erprobt wurde . 

 "...Die Überwindung der bodengebundenen physischen Horizonte als Menschheitstraum: Rund anderthalb Jahrhunderte liegen zwischen jenem Moment, als der Franzose Gaspard-Félix Tournachon 1858 eine Kamera erstmals in die Lüfte hievte und sie mit einer neuen visuellen Dimension des damaligen Paris in einem Heißluftballon auf die Erde zurücksegelte..."(Vorwort von Peter-Matthias Gaede zu: Die Erde von Oben, von Yann Arthus-Bertrand, Hamburg 1999)

... wird ergänzt

Vernunft und Augenmaß ist also gefragt. Immanuel Kant zu lesen hilft hier weiter, indem es zu bedenken gibt, dass wir der Vernunft (dann) einen Dienst leisten, wenn wir erfolgreich den Pfad entdecken, auf dem sie sich sicher bewegt.  Zur Richtungsbestimmung des Städtebaus in diesem Sinne gibt uns der Publizist und Architekturkritiker Gert Kähler etwas geharnischt das folgende Bedenkenswerte mit auf den Weg:

„…mein Verhältnis zwischen mir und dem Raum ist dadurch geprägt, dass ich meine Umgebung kenne, dass alles an seinem Platz ist, dass ich mich wohlfühle, weil ich alles kenne, weil es „vorhersehbar“ ist! Denn, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz, die Menschen wollen in ihrer Umgebung gar nicht ständig überrascht werden durch etwas Un-Vorhersehbares! …Nun mag etwas Neues durchaus sinnvoll sein – der neue Platz, das neue Haus. Aber als Stadtbenutzer möchte man sich nicht jeden Tag über eine neue Optik aufregen – beim ersten Mal reicht es. Das Vorhersehbare ist das Gewohnte, und das ist positiv… Sonst wird gestaltet, auf Deubel komm raus – das „Verhältnis von Mensch und Raum wird neu interpretiert“.   Und so sehen die Kneipen aus. Oder die Bürohäuser. Was spricht dagegen, die immer gleiche Funktion des Bürohauses menschenfreundlich und unaufgeregt zu lösen? Muss mir ein Gehry mit dickem Hintern und schrägen Formen ins Gesicht springen? Muss ein Militärmuseum im Bau des 19. Jahrhunderts mit einer Axt geteilt werden, damit ich lerne, dass Krieg böse ist? Tatsächlich ahnte ich das schon, und Herr L. muss es mir nicht erklären, schon gar nicht jeden Tag neu (denn ich kann nicht wegsehen oder abschalten). Was ist das Auffallen um seiner selbst willen denn für eine architektonische  Kategorie? Banal ist nicht die einfache Form. Banal ist, jeden Tag, die nächsten fünfzig oder hundert Jahre lang, die immer gleiche aufgeregte Form! Oder das ständig neu erklärte Verhältnis von Mensch zu Raum.… Jede mittelalterliche Stadt macht es vor:  Kirche, Rathaus, Markt und die Summe der Wohnhäuser. Ablesbar und deshalb so beliebt. Das kann man heute nicht nachbauen; das ist kein Plädoyer für irgendeine Retro-Architektur. Aber man kann…den Sinn dahinter erkennen, nämlich den, dass Architektur verstanden werden muss, weil sie dazu dient, dem Menschen eine Umgebung zu schaffen: Keine „Gebung“, sondern eine „Um-Gebung“. Keine „Welt“, sondern eine „Um-Welt“: etwas, in dem er sich zurecht findet. Die gebaute Umwelt muss einfach verständlich sein, weil ihre Aufgabe ist, einen festen Rahmen zu bieten, in dem sich der Mensch bewegen kann. Das kann auch Neues sein, aber es darf nichts sein, das uns mit der Nase darauf stößt, dass ein Architekt das „Verhältnis zwischen Mensch und Raum“ neu interpretieren will …wir müssen nicht immer auf Neues gestoßen werden. Wir haben, verdammt noch mal, ein Recht auf das Gewohnte! Das Gebaute aus Straßen, Plätzen und Häusern bildet unsere feste Umgebung, die feste Wand, zu der man mit dem Rücken steht – das ist das tiefere Geheimnis von Architektur, jenseits aller Moden und Stile, jenseits aller Einzelbauten.Die sind nur Teil eines Ganzen und deshalb nicht so wichtig. Ob diese Umgebung...schön ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle – sie ist unsere Umgebung, nicht eure! Wir wollen uns gar nicht fragen müssen, ob sie schön oder hässlich ist – wir wollen einfach etwas haben, das so selbstverständlich ist, wie es ist. Wir möchten auch nicht, dass jemand unser Wohnzimmer täglich umräumt, selbst dann nicht, wenn es ein berühmter Architekt macht…“(aus: Baumeister b3-2012, 13.03.2012)

Städtebauliches Entwerfen bedeutet insoweit die Erfindung von auf den Ort und auf die Menschen bezogene Raumstrukturen. Städtebauliches Entwerfen erfordert eine spezifische Kompetenz.  Dabei sind die Recherche und die Fähigkeit zu differenzieren eine wesentliche Voraussetzung für die Bearbeitung. (Folie: Text Sieverts Raumbegabungen).

Angesichts starker Worte und des derzeitigen Diskussionsstandes in der Bundesrepublik müssen wir uns fragen, ob all die vorbildlichen Städtebaugesetze (um die Deutschland von seinen Nachbarn beneidet wird) mit Ihren offenbar die Grundprobleme doch nicht mehr berührenden Regelungen (BauGB, BNatG, ROG) tatsächlich "den Städtebau" in dem oben genannten Sinn fördern oder konterkarieren.(Folie: Vorgärten)

Jenseits der Logik der Gesetze wird es nämlich immer dringlicher, das überkommene Wissen und die neuen Konzepte in zeitgemäßen Planungsformen und Ausdrucksmitteln, unseren Mitmenschen nahe zubringen und sie nicht zu "verordnen".

Welche Ästhetik gilt dabei? Wie robust ist die Grundidee, das Grundkonzept. Wie reagieren Architekten, wie die Bevölkerung?(Folie: Comic von Ad Reinhardt)

Gemeinwohl orientiertes Arbeiten hat dabei ein hohen Stellenwert, unterliegt aber auch dem Druck, dem das Gemeinwesen insgesamt ausgesetzt ist oder dem sich "das Gemeinwesen" bzw. "die Öffentlichkeit" aus sich heraus selbst aussetzt.

 

(Folien: Wege unter Bäumen)



googledaf1c074e45dec7c.html